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Jeremy Days / Dirk Darmstaedter:
Am Mittwoch, 25.03.2026 live im Wilhelmshavener Pumpwerk.
März 2026
Beauty, not broken (anymore)!
Wer
hätte das für möglich gehalten? 25 Jahre nach ihrem letzten Album tauchten die
Hamburger plötzlich für ein Konzert im Hamburger Dock´s auf – und waren
blitzartig bereit für eine Wiederaufnahme ihrer abgelegten Karriere. Das haute
sogar die aus den Socken, die diese Band schon gar nicht mehr auf dem Schirm
hatten. Als sie zwei Jahre später – Coronakrise inklusive – ihr neues Album
„Beauty in Broken“ präsentierten, wusste auch der letzte Zweifler, dass diese
Rückkehr überfällig war!
Wie
entspannt schön die Jeremy Days Musik auf der Bühne klingt, kann man auf ihrer
aktuellen Veröffentlichung nachhören: Nach knapp 35 Jahren Bandgeschichte waren
sie 2022 erstmals ein Konzert für den legendären WDR Rockpalast eingeladen
worden. Oder wer es persönlicher mag: Am Mittwoch, 25.03.2026 sind sie
live im Wilhelmshavener Pumpwerk.
Ich sprach
vorab mit Dirk Darmstaedter.
Ein
Auftritt in der Peripherie deutet an: Ihr geht es in der Tat nochmal mit vollem
Elan an?
Ja, immer! Nach dem Konzert im Hamburger Dock´s haben wir festgestellt,
das bringt so unfassbar viel Spaß, warum also nicht weitermachen? Alles andere
wäre ja Quatsch! Dann wurden wir ein bisschen von Corona ausgebremst, aber wir
haben es geschafft, per Videocalls ein gemeinsames Album aufzunehmen. Wir steckten
ja alle auch nur zu Hause fest, Louis war in Amerika, also haben wir uns immer
einmal die Woche getroffen zum Zoom-Call und haben da dann irgendwann
angefangen, auch über neue Musik zu sprechen.
Das
erschien 2022.
Genau, und dann gab es auch endlich die erste Tour – und
seitdem immer mal wieder eine. Das ist immer ein bisschen eine logistische
Herausforderung, diese ganze Kombo zusammenzubekommen, aber wenn man wirklich
will…
Ein Ersatz
war nie eine Option?
Um Gottes Willen, diese Band ist die Band. Und das ist ja
gerade das Tolle. Wir machen das ja nicht jetzt, um gezwungenermaßen irgendwie
auf Tour zu gehen und vor Leuten zu spielen, um irgendwas jetzt zu erreichen,
Erfolg oder was weiß ich auch immer. Das hatten wir lange genug. Jetzt geht es
eigentlich nur noch darum, diese Freundschaft zu feiern und das Zusammensein zu
genießen. Das ist ein kleines Wunder und dafür bin ich wahnsinnig dankbar.
Ihr habt
bis heute ein neues Album veröffentlicht, wie schafft ihr es, jetzt nicht zu
euer eigenen Greatest-Hits-Band zu werden?
Wir hatten ja schon 5 Studioalben und eine
b-sides-Collection, d.h. es gibt schon ne Menge Material, aus dem wir auswählen
können. Und bevor wir jetzt anfangen, noch eine neue Studioplatte aufzunehmen, habe
ich bei den Jeremy Days überhaupt keine Angst davor, mit Stücken aus
unserem Fundus zu touren. Ich veröffentliche als Dirk Darmstädter oder als Me
And Cassity ständig neue Musik. Aber wenn wir eine neue Platte aufnehmen wollen mit
neuen Songs, dann werden wir das tun. Aber das hat überhaupt nichts damit zu
tun, ob wir einmal im Jahr als Gruppe zusammen touren. Solange es für uns
frisch bleibt und auch Spaß bringt, dann werden wir losfahren und Spaß haben.
Es gibt auch keinen Masterplan, was diese Band angeht, weil die haben wir uns
in den 90ern und 80ern einen nach dem anderen um die Ohren gehauen.
Es gab durchaus
verschiedene musikalische Phasen in der Band, immer mal mehr Pop-, mal mehr
Rock-orientiert. Ich erinnere mich z.B. an die Tour nach dem zweiten Album
„Circushead“, bei der ihr sehr psychedelisch rockig unterwegs wart. Wie siehst
du diese Entwicklung rückblickend?
Es ist nicht so, dass ich ständig zu Hause Jeremy Days Platten
hören würde, aber die alle sind Teil einer gemeinsamen Reise und natürlich ist
es so, manchmal hört man Stücke von, was weiß ich, 94 oder so und denkt sich,
meine Güte, das würde ich jetzt aber auch anders aufnehmen oder anders
instrumentieren, anders arrangieren, aber das ist ja ein Teil des Spaßes. Ich
meine, ein Song ist ja auch eine Momentaufnahme eines Songs und findet auch in
einer Zeit statt und das ist auch wichtig, dass man diesen Kontext auch
versteht. Natürlich klingt eine Platte, die 1990 aufgenommen wurde nicht so wie
eine Platte, die man vielleicht jetzt aufnehmen würde. Und ich klinge auch
nicht so und ich treffe vielleicht jetzt auch andere Entscheidungen, als ich
damals getroffen habe. Aber die Sachen sind absolut alle wert, sich die mal
wieder neu zu beleuchten und zu gucken, wie kann man die heute auf die Bühne
bringen. Wobei, ich muss sagen, es bringt auch wahnsinnig Spaß, sich auch an
den Arrangements von damals so ein bisschen wieder festzuhalten, weil das ist
für uns als Band auch was Neues. Und wenn du ein bisschen unsere Historie
kennst oder dir mal alte Live-Aufnahmen von uns anschaust, wir haben nie Stücke
so gespielt wie auf Platte.
Aber abgesehen von
der erwähnten Tournee auch nicht so weit vom Original entfernt, oder?
Ich glaube, von Brand New Toy haben wir hunderte Versionen,
Bossanova-Version, Akustik-Version, was weiß ich alles. Das war immer ein
großer Spaß und uns wahnsinnig wichtig. Und jetzt ist es für mich auf der
anderen Seite fast eine Herausforderung, das Stück einfach mal so zu spielen,
wie wir es 1988 aufgenommen haben – und gucken mal, was passiert.
Was war damals für
eure Herausforderung für neue Platten?
Wir wollten die Jeremy Days immer weiter denken. Es gab nie
Stillstand. Das war nicht gewollt. Es ging immer weiter. Es gab genügend Leute,
die uns gesagt haben, besonders nach der ersten Platte, macht doch einfach
erstmal so weiter. Also entwickelt euch doch nicht ganz so schnell. Ihr müsst
die Leute auch irgendwie mitnehmen. Aber guck dir die Beatles an von 1964 bis 1969,
wie die sich entwickelt haben. Von „She Loves You“ bis „Sgt. Pepper“, das ist
schon eine ganz schöne Strecke. Und so haben wir das auch gesehen. Man ist in
der Band, um gemeinsam Spaß zu haben, aber auch die Leute zu fordern, um uns
selber musikalisch und künstlerisch zu fordern. Wir sind nicht angetreten, um
den Leuten einfach immer das zu geben, was sie so wollen, weil die Leute wissen
eh erstmal nicht, was sie wollen. Man muss
ihnen einfach coole Sachen geben und hoffen, dass sie das annehmen.
Und es gab Zeiten, da haben sie das mehr angenommen und
andere Zeiten, wo die Leute mit dem Kopf geschüttelt haben und gesagt haben,
sag mal, was ist denn jetzt los? Und ich muss dir ganz ehrlich sagen,
rückblickend, das mag vielleicht manchmal kommerziell so ein Schuss ins Knie
gewesen sein, aber ich bin unfassbar stolz drauf, dass wir die Leute schon
immer ein bisschen vor den Kopf gestoßen haben. Und auch manchmal so eine
Verwirrung stattfand, wenn man über uns nachdachte. Weil man wusste, nie, womit
wir so jetzt als nächstes um die Ecke kommen. Ich denke schon, dass wir eine
ganz klare Stilistik und so einen Sound hatten, aber ich sag mal, der Weg von „Julie
through the Blinds“ zu „Reinvent Yourself“ ist schon auch eine ganz schöne
steile Kurve gewesen. Und das finde ich besonders jetzt rückblickend irgendwie
cool.
Und wie siehst du das
heute?
Weiterentwicklungen gibt es immer, aber heute passen all
diese Terminologien auf diese Band gar nicht mehr, alle Regeln sind außer Kraft
gesetzt worden. Wir hatten früher so viele Regeln und fast Dogmen, die haben
wir heute hinter uns gelassen. Das mag sich unsexy anhören, aber für uns geht
es nur darum, was sich gut anfühlt und was nicht. Und wenn es uns gelingt, den
Leuten eine gute Zeit zu gebe, dann bin ich damit hier auch erstmal zufrieden.
Was ist dir denn
heute am wichtigsten in der Musik?
Wow, das ist ja eine Frage, wie lange haben wir Zeit? Musik
ist mein Ein und Alles. Ich lebe mit und für die Musik. Das war schon immer so.
Musik ist für mich neben meiner Familie das absolut Wichtigste im Leben. Und da
gibt es natürlich ein buntes Panoptikum an Sachen, die dort entscheidend sind.
Für mich persönlich ist es gerade in Zeiten, wo gerade wegen KI meine
Musikerkollegen und alle anderen so ein bisschen gerade am Draht drehen und
ausflippen, nach dem Motto ´was macht das überhaupt alles noch für einen Sinn?
Was machen wir hier, wenn sich jeder wirklich auf Knopfdruck irgendwie Coldplay-Tracks
generieren lassen kann, die bestimmt hitverdächtiger sind als alles, was ich so
in den letzten 15 Jahren veröffentlicht habe´.
The unconvenient
truth! Was macht man also daraus für sich selbst?
Für mich persönlich bedeutet es, dass man immer mehr an den
Kern dessen rangeht, was Musik für einen persönlich auch so wichtig macht,
nämlich das Menschliche, die Imperfektion, das, was zwischen den Tönen steckt.
Denn daran erinnert man sich, wenn ich etwas sagen würde von der Emotionalität,
was mir wahrscheinlich am wichtigsten wäre, wäre genau das, das Menschliche,
das Brüchige daran.
Eure Musik dreht sich
weitestgehend um Befindlichkeitsthemen – hast du Verständnis für Musiker, die
ihre Bühne für politische Themen nutzen?
Absolut, klar. Es gibt ja einen Raum und einen Platz für
alles. Bin großer Dylan-Fan, aber ich liebe auch die Beatles. Also das sagt ja
schon einiges. Aber ich bin kein großer Kommentator tagesaktueller Themen. Was
meine Songs angeht, sind meine Texte eher… manchmal habe ich das Gefühl, gar
nicht mal so zwischenmenschlich oder zwischen mir als Texter und jemand anders,
sondern eigentlich, was passiert so mit mir? Was ist so in meinem Leben los?
Ich glaube schon, dass meine Texte v.a. etwas mit meinem Leben zu tun haben.
Aber auch mit der ganzen Bandbreite des Lebens, also nicht nur mit Beziehungen.
Es gibt eigentlich relativ wenige Jeremy Days-Songs, wo es so explizit jetzt um
eine Beziehung geht. Es geht wirklich um das Leben per se, um Einsamkeit, um
Verletzbarkeit, um nicht wissen, wo man eigentlich hingehört im Leben, wo es
vielleicht hingeht, um auch Zukunftsängste, all diese Themen.
Und das, ich bin in dem Sinne kein, man nennt es ja s
Es gibt Topical-Songwriter, wie Jesse Wells oder früher
Dylan oder Woody Guthrie, jemand, der wirklich tagesaktuelle Themen, ob nun
politisch oder nicht, in Songs unterbringt, die ich sehr, sehr toll finde, aber
das bin ich in dem Sinne nicht.
Du hast schon
erwähnt, du veröffentlichst selber noch unter eigenem Namen Musik, zuletzt
erinnere ich mich an eine „Covers“-Reihe – wie oft findest du dafür Zeit?
Das letzte Album „The Circumstances“ kam 2022 und das
nächste kommt eigentlich sobald die Vinyl hier ankommt, offiziell am 3. April:
„The Sound My Mind Makes“, und auch da gibt es viel von dem, was ich gerade
erzählt habe, auch was die Texte angeht, weil das ist weitaus mein
persönlichstes Album ist. Das ist eigentlich so ein Spiegelbild von dem, was so
in meinem Kopf passiert ist in den letzten drei Jahren.
Wow, das klingt sehr
gut, ich freu mich!
Schon etwas länger
zurück liegt dein Label „Tapete Records, das du dann aber 2014 verlassen hast.
Ja, ich habe das mit Gunther Buskies 2002 gegründet,
eigentlich um ein paar Freunde, unter anderem Nils Frevert, unterzubringen,
sodass er auch endlich wieder auf einem ordentlichen Label Platten
veröffentlichen kann. Und auch für meine Sachen, also so eine Art
Boutique-Label. Daraus wurde dann relativ schnell so eines der größten
Indie-Labels Deutschlands mit irgendwie über 40 Bands und zwei Musik-Festivals
und so und das ist ja auch alles prima, aber ich bin nie angetreten, um jetzt
Musik-Impressario in Deutschland zu werden. Ich bin Musiker und Songschreiber
und irgendwann brannte mir einfach die Birne weg, also ich konnte das alles
nicht mehr unter den Hut bringen, wollte das auch nicht mehr. Ich hatte auch,
wenn man so will, alles erreicht in dem Metier. Ich hatte ein paar Nils-Platten
rausgebracht, mein guter Kumpel Bernd Begemann war auf unserem Label, ich habe
Lloyd Cole geholt, und dann auch noch Robert Forster von den Go-Betweens, also
ich meine, come on, mehr muss jetzt nicht sein! Und Gunther macht das ja auch
prima weiter, alles wird toll weitergeführt und ich wollte mich einfach wieder
auf meine Musik und meine Songs konzentrieren.
Ich meine, ich bin wahnsinnig stolz auf Tapete Records und
es war eine großartige Zeit, auch mit den ganzen Leuten, mit denen man da
zusammengearbeitet hat. Ich möchte das in keinem Fall missen, aber manchmal
muss man auch einfach Türen zumachen und irgendwie weitergehen. Und seitdem ist
ja auch wieder eine Menge bei mir passiert und das war schon eine gute
Entscheidung. Also ich bereue die überhaupt nicht. Ich freue mich einfach
darüber, dass es Tapete nach wie vor auch gut geht.
Und jetzt veröffentlichst
du nicht einmal mehr deine eigenen Platten da …
Nee, ich habe mich ja komplett für alles und mit allem
getrennt. Also ich habe ja, das wäre auch ein bisschen komisch gewesen, so vor
einem Tag bist du Geschäftsführer und am nächsten Tag bist du ein Künstler, der
fragt, ob das Promobudget nicht erhöht werden dürfte (lacht). Nein, ich habe
mein eigenes kleines Label gegründet, Beg, Steal & Borrow und veröffentliche
seit 2014 einfach konstant meine Platten auf diesem Label.
Nochmal zurück zum
anstehenden Konzert in Wilhelmshaven: Inwieweit habt ihr für eine Tournee eine
Setlist, die mehr oder weniger gleich bleibt?
Das Set wird pro Tour erstellt. Wir werden jetzt einfach
nochmal tief reingehen, schauen, was wir spielen wollen, auch noch ein paar
Tracks spielen, die wir noch nie gespielt haben. Jeder hat jetzt Listen
angefertigt und am nächsten Mittwoch wird entschieden, welche Stücke. Meine
persönlichen Favoriten wäre „Nowhere's Girl“ von Punk by Numbers und „Girlfriend“
von der Speakeasy, das wären meine persönlichen Favoriten. Aber mal gucken,
womit die Jungs dann irgendwie ankommen.
Es läuft ja so: Louis kommt rübergeflogen, dann haben wir
zwei, drei Tage Probezeit und dann geht´s los. Und dann freuen wir uns
eigentlich, wenn wir eine Setlist haben, an der wir uns orientieren können.
Wobei, das ist auch immer relativ locker, weil der Abend hat dann nochmal so
eine Eigendynamik, dann spielen wir die Sachen dann doch vielleicht in einer
anderen Reihenfolge oder vielleicht auch mal wieder was ganz anderes. Ich muss
auch einfach sagen, ich bin auch dankbar dafür, dass wir so einen Fundus an
geilen Songs haben. Es ist auch relativ einfach,
eine Setlist zusammenzubauen, die Sinn macht und die einfach allen Spaß bringt.
Das ist ein großes Geschenk, dass es diese Songs einfach so gibt.
Und das, wie Selig
sagen: „Und Endlich Unendlich“?
Keiner, weder Band noch Publikum, sollte sich zu sicher
sein, wie lange man das noch erleben darf. Wir sind alle in einem Alter, wo
man, ich meine, come on, also wir wissen nicht. Und das ist auch die Spannung.
Also wir gehen jetzt auf Tour. Mein Plan
wäre natürlich, noch eine Bandtour irgendwie in eineinhalb Jahren wieder das
regelmäßig zu machen, einfach weil es
auch so viel Spaß bringt. Aber ganz
ehrlich, who knows, also who can tell?