Ich versteh den Titel eigentlich gar nicht. Sonst sind es
doch die Journalisten, die alles vergleichen, schubladisieren und bewerten
wollen, die Musiker heben hier sonst abwehrend die Hände. Nicht so Ray Wilson:
Er legt gleich noch einen drauf und legt sich mit einem Titan an? Nicht ganz,
denn er hinkt – genauso wie der anvisierte Vergleich.
Was Ray Wilson sich mit dem Vergleich und mit dem Box-Set
erhofft, ist Aufmerksamkeit und Käuferschaft. Und beides hat dieses fette Teil
unbedingt verdient. 2 live-CDs + DVD mit dem kompletten Live-Programm der
„Genesis Classics“ Tournee im Schuber mit dem neuen Stiltskin-Album. Mit der
Ausstattung dieser Box läuft er allerdings Gefahr, dass man sich an
Äußerlichkeiten aufhält – und das hat insbesondere das neue Studioalbum nicht
verdient. Denn wie schon das erste Stiltskin-Album 2006, 12 Jahre nach dem
Durchbruch mit „Inside“ ist auch sein Nachfolger einfach grandios! Die
Kombination aus seiner rauen Stimme und crunchigen Alternative Rock Gitarren
ist einfach das Beste, was er machen kann. Kombiniert mit einer breiten Palette
an Emotionen und Arrangements steckt das jede Nickelback-Scheibe in die
Westentasche. Und sogar zum Thema Hitsingle hat er etwas beizutragen, denn
Songs wie „American Beauty“ oder „Tale from a small town“ sind potentielle
Sternstunden eines Formatradio-Tagesprogramms. Und so leid es mir tut: Es
scheint die Zusammenarbeit mit Uwe Metzler, die zu den substanzielleren Songs
führen, das zeigen beide Stiltskin-Alben im Vergleich mit jedem seiner
Soloalben. Das könnte am Teamplay liegen – oder einfach am Songwriter. Singen
und performen bleibt dann ja Ray vorbehalten – und darin ist er einfach spitze!
Vor allem, wenn er eben so abwechslungsreich agiert – in rockigen Arrangements
wie dem Opener „Accidents will happen“ oder „Voice of Disbelief“, in eingängigen Songs wie dem o.g.
„Singles“ oder balladesken Momenten wie „14th of March“ oder „She flies“.
Abgerundet wird das Ganze mit dem knapp 6-minütigen Pink
Floyd-Epic Finale „Ought to be resting“, wegen dem allein schon keiner
verpassen sollte, dieses Album gehört zu haben.
Insgesamt ist das Album nicht so hart wie sein Vorgänger.
Hin und wieder dürfen die Gitarren zwar schmettern, aber sichtig laut wird es
kaum. Passt scho`… um mal Kavka zu zitieren. Marcus Kavka natürlich. Das tolle
Album ist nur ein Teil dieser neuen Veröffentlichung. Nominell gesehen nur
knapp ¼, denn „nebenbei“ gibt es noch zwei Live-CDs und eine DVD mit dazu!
Zustände wie beim Hamburger Fischmarkt.
Der Live-Teil ist der Rückblick auf ein „langes, langes
Jahr, aber ein sehr gutes Jahr“, wie Ray Wilson kurz vor der letzten Zugabe
berichtet. Streng genommen war es auch mehr als ein Jahr, denn das Konzept, Genesis
live mit Symphonie Ensemble auf die Bühne zu bringen begann bereits im Sommer
2009. 2010 hatte ich dann auch endlich Gelegenheit, es zu sehen – leider in
Brake vor einem Publikum, das man einem Rockmusiker kaum wünschen mag. Aber wer
Genesisklassiker ankündigt, muss damit rechnen, dass sich auch ganz alte „Fans“
angesprochen fühlen. Wer obendrein noch dazusagt, dass der Auftritt mit dem
Berliner Symphonie Ensemble stattfindet, muss auch damit rechnen, die ganz,
ganz alten Fans vor sich stehen zu haben – und jene, die eine Gitarre in der
Nähe eines Verstärkers normalerweise meiden wie der Teufel… aber so ist es nun
mal, und Geld kann man damit schließlich und offensichtlich verdienen.
Das Konzept war und ist schön! Bei Genesis-Songs
(allergrößtenteils) auf Keyboards zu verzichten, ist etwas Besonders und stellt
klar, dass die Streicher viel zum Einsatz kommen. Dass die ihren Job
professionell absolvieren, ist auch klar, da gibt es also nichts auszusetzen.
Und Ray Wilson live zu sehen und zu hören ist IMMER ein Erlebnis und garantiert
ein großes Spektrum in der Songauswahl, Entertainment in den Ansagen (heute
leider schon weniger als noch in den frühen Tagen, habe ich das Gefühl, aber
vielleicht ist das auch situationsabhängig und von Abend zu Abend
unterschiedlich) und eine „eigene“ Umsetzung. Das ist zum großen Teil ok, wird
aber nicht bei jedem Genesis-Hardliner auf Gegenliebe stoßen. Mich persönlich
stören die Rockelemente nicht, wirken aber schon etwas befremdlich manchmal.
Unnötiger finde ich Songs von Phil Collins und Mike & the Mechanics, denn
die bleiben Covers, mit denen er ganz und gar nichts zu tun hat – und rauben
letztendlich fruchtlos Platz auf der Setliste. Da ist eine Version des
Stiltskin-Klassikers „Inside“ mit live gespieltem Klassik-Intro schon passender
– und ein sehr kraftvoller Abschluss des Live-Sets.
Auch dieser Teil der Box, nebenbei: ein wunderschöner
mehrfach aufklappbares Digipack mit den drei Discs, ist ein Prunkstück in der
Wilson-Diskografie und auch einzeln angeschafft eine Empfehlung wert. Dass sie
eine quasi kostenlose Beigabe zum neuen Album darstellt, ist schlicht
sensationell! Aber wenn ich auf die Ausgangsfrage zurückkomme, finde ich das
neue Stiltskin-Album den besseren und wichtigeren Teil. Und das soll bei einer
(grundsätzlich gelungenen) Veröffentlichung auf der Genesis steht, schon etwas
heißen!
Ralf Koch